Evangelisch-lutherische St.-Georgs-Kirchengemeinde Mellendorf

Suchet der Stadt Bestes

Mit diesem Bibelvers aus Jeremia 29,7 heißen wir Sie und Euch herzlich willkommen auf der Homepage der evangelischen Kirchengemeinde Mellendorf-Hellendorf.

 

 

Glaubenssache

Friedhof

Sie war spät dran in diesem Jahr. Aber jetzt hatte sie endlich Zeit gefunden. Sie war auf dem Friedhof. Die Grabstelle musste für den Winter hergerichtet werden. Am nächsten Wochenende war Totensonntag und bis dahin sollte alles fertig  sein.
Es war Nachmittag, die Sonne stand tief. Es war noch warm, aber die Luft roch schon nach Herbst. Sie atmete tief durch. Erst mal die Blätter entfernen und die alten Pflanzen aus der Erde holen. Alles konnte weg. Nur die zwei Lebensbäume, rechts und links neben dem Grabstein, würden den Winter überdauern. Seit zehn Jahren standen sie an ihrem Platz. Jedes Jahr wurden sie zurückgeschnitten und in Form gebracht. Sie hatten die Zeit überdauert. Auf dem Friedhof kamen die Erinnerungen. Vor zehn Jahren war ihre jüngere Schwester Bettina gestorben. Sie war nicht alt geworden, 42 Jahre.
Für ihre Mutter, die damals noch lebte, war es eine Erleichterung. Die Tochter war geistig behindert und hatte Zeit ihres Lebens zuhause gewohnt. Die größte Sorge der alten Mutter war, dass sie selber vor ihr sterben könnte. Was hätte dann aus Bettina werden sollen!? Zuletzt war es eine Quälerei gewesen. Wie sie so da lag, hilflos und ganz auf Pflege  angewiesen. Nicht einmal schlucken konnte sie noch! So war sie beruhigt, dass sie Friedhof nun ihren Frieden gefunden hatte.
Zwei Jahre später war dann auch ihre Mutter gestorben. Hier auf dem Friedhof waren sie beide wieder vereint. Und sie selber, die große Schwester, die ältere Tochter – sie kümmerte sich um das Grab. Sie hatte Tannenzweige mitgebracht. Mit der Astschere schnitt sie alles zurecht und deckte das Grab damit ab. Auf dem Grabstein stand das Bibelwort, das sie damals für Bettina ausgewählt hatten. „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5,8)
Ihre Mutter hatte diesen Spruch gefunden. Die Pastorin hatte ihn bei der Beerdigung vorgelesen. Ja, so war Bettina  gewesen! Es war nicht immer einfach mit ihr. Sie hatte ihren eigenen Kopf. Aber sie war „reinen Herzens“. Was sie sagte, das meinte sie auch. Sie hatte keine Hintergedanken. Sie war direkt und spontan. Wenn sie jemanden mochte, dann zeigte sie das. Wildfremde Leute hat sie einfach umarmt, wenn ihr danach war. Manchmal war das peinlich – auch für sie als Schwester, wenn sie mit ihr unterwegs war. Und doch haben sich die meisten darüber gefreut. Manchmal waren das gute Gespräche, die sich aus solchen Begegnungen ergaben. Im Nachhinein hatte sie sich oft daran erinnert und gedacht, was sie ihrer kleinen Schwester alles zu verdanken hatte. „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“
Sie rückte die letzten Zweige zurecht und stellte auch den Grabengel wieder an seinen Platz. Den hatte sie zur  Beerdigung ihrer Mutter besorgt. Sie selber hatte immer wie ein Engel für Bettina gesorgt und jetzt sollten sie beide einen Engel haben, der über sie wachte. Sie konnte ja nicht immer auf dem Friedhof sein. Sie hatte ihre Familie, ihr eigenes Leben. Zuerst hatte sie das wieder lernen müssen. Die Sorge um die Schwester und dann die Pflege der Mutter – das hatte sie ziemlich in Anspruch genommen. Hinterher war es wie ein großes Loch, in das sie fiel.
Friedhof – ihre Schwester und ihre Mutter hatten ihren Frieden gefunden. Aber auch für sie selber war dies im Laufe der Jahre ein Ort des Friedens und der Ruhe geworden. Sie war gerne hier. Sie genoss die Auszeit, die Grabpflege, die Erinnerungen.
Fertig! Sie suchte die restlichen Zweige zusammen, nahm die Handschuhe und die Gartenschere und ging nach Hause zu ihrem Mann, ihrer Familie, in ihr eigenes Leben.

Pastor Michael Brodermanns