Drahtseilakt Glaubenssache – Jahreslosung 2020

Eine große Menschenmenge hat sich versammelt. Alle schauen in den Himmel. Die Augen mit den Händen abgeschirmt.
Von hier unten kann man das Seil kaum erkennen. Da betritt der Tänzer das Seil. Ein Jubeln geht durch die Menge. Fast als würde er schweben geht er langsam von einer Seite zur anderen. Unter dem tosenden Applaus der Menschenmenge dreht er um und balanciert gekonnt wieder zurück. So geht das einige Male. In 15 Meter Höhe schwebt der Tänzer über das Seil. Hin und her und her und hin. Unter ihm die begeisterte Menschenmenge. Dann schiebt er sogar eine Schubkarre auf dem Seil von der einen zur anderen Seite. Die Menge tobt vor Begeisterung und der Seiltänzer ruft euphorisch: „Glaubt ihr, dass ich die Schubkarre auch wieder heile zurückschieben kann?“ Und alle rufen total überzeugt: „Ja klar, natürlich!“ Begeistert fragt der Mann: „OK! Wer von euch setzt sich dann hinein?“ Die Antwort: ein plötzliches Verstummen der fröhlichen Leute. Ehrlich gesagt: Ich hätte mich auch nicht in die Schubkarre gesetzt. Und ich habe nicht einmal Höhenangst - aber wenn es ernst wird, dann kommen einem eben doch Zweifel. Und da kann ich mir vorher noch so sicher gewesen sein! „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“(Mk 9,24) ruft der Vater, dessen Junge von Jesus geheilt werden soll. Vorher hatte Jesus zu ihm gesagt, dass demjenigen, der glaubt, alles möglich sei. Das aber ist gar nicht so einfach. Gerade für den Vater des Jungen. Ich kann ihn gut verstehen mit seinem Ausruf. Dass er ja glaubt, aber zugleich auch irgendwie nicht. Glauben ist ein Drahtseilakt. Wir spüren, was uns trägt, mehr als wir sehen können. Wir vertrauen, dass es halten wird. Und doch gerät das Seil manchmal ganz schön in Schwingung. Dann rüttelt das Leben am Glauben: der Tod eines geliebten Menschen, wenn Liebe verschwindet, Heilung ausbleibt oder Hoffnungen sich nicht erfüllen. Es braucht unsere ganze Kraft, uns wieder auszubalancieren im Leben. Unsere Arme rudern in der Luft, als suchen sie Halt dort oben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ eine ungewöhnlich persönliche Jahreslosung wird uns 2020 begleiten.
Für Ihren persönlichen Weg in diesem Jahr wünsche ich Ihnen alles Gute und Gottes Segen und jede Menge Vertrauen, denn die Geschichte auf dem Seil geht noch weiter: In die peinliche Stille der Menschenmasse hinein ruft ein kleines Mädchen: „Ich, ich traue mich!“ Und sie klettert zu dem Mann hoch, setzt sich in die Schubkarre und der Mann schiebt sie über den Abgrund auf die andere Seite. Tosender Applaus. Als das Mädchen wieder unten ist, wird sie gefragt: „Du bist ja mutig! Unglaublich, dass du dich das getraut hast!!
Hattest du denn keine Angst?“ Sie lacht und antwortet: „Aber nein, das ist doch mein Vater!“

Ihre Pastorin Debora Becker