Ist Weihnachten 2021 in Gefahr?

So titelte Anfang Oktober ein bekannter Fernsehsender und zum Redaktionsschluss dieser Glockentöneausgabe herrschte die große Frage: Wie wird die pandemische Lage in der Advents- und Weihnachtszeit sein? In welcher Form und unter welchen Umständen können in diesem Jahr Gottesdienste stattfinden? „Weihnachten soll doch nicht schon wieder ausfallen!“ Das höre ich gerade überall, wo über Weihnachtsmärkte, Betriebsfeiern, Gottesdienste mit Chor und Krippenspiel diskutiert wird. Das gehört doch dazu! Ich kann mir die Weihnachtszeit nicht vorstellen ohne... was würden Sie sagen?
Weihnachtsbaum? Geschenke? Skiurlaub? Singen? Familie? Kartoffelsalat? Glühweinstand? Wer Weihnachten kennt und mit Gott rechnet, der weiß, dass Weihnachten nicht in Gefahr ist. Denn Menschen durch Krisenzeiten zu begleiten, war immer schon Gottes größte Stärke. Gerade an Weihnachten lebt immer wieder die Hoffnung auf: „Die im Dunkeln wandeln, sehen ein großes Licht.“ Die Geschichte der Geburt im Stall bewegt mich auch deswegen alle Jahre wieder, weil in diesem Stall alle zusammengerückt sind: die jungen Eltern und unbedeutende Hirten, Esel und Engel, sogar Könige! Ja, zusammengerückt lässt sich alles leichter ertragen und hoffen.
Und nun stehen wir wie im letzten Jahr da und fragen uns: Wie soll das funktionieren, Abstand halten im Stall? Wo bleibt da die Menschlichkeit, wenn wir gerade nicht  zusammenrücken dürfen? Wo bleibt die Wärme? Gerade an Weihnachten fühlen sich die Abstände zwischen uns besonders kalt an. Und die Sehnsucht nach Begegnung, gemeinsamem Singen, Lebendigem Adventskalender, vertrauten Formen ist vielleicht größer denn je.
Bei allem, was uns diese Situation abverlangt, sollten wir uns erinnern: Die Geschichte der Geburt Jesu lebt von der Improvisation. Der Stall war eine Notlösung. Ein erster Hinweis darauf, dass Menschlichkeit eben oft aus der Not heraus geboren wird. Weil Notlösungen vielleicht mehr Platz lassen für Gnade?
Ja, ich glaube sogar, Weihnachten ist das Fest der Not-Lösungen. Weihnachtsbaum: eine Not-Lösung, um sich auch in dunkelsten und kältesten Tagen einen grünen Funken Hoffnung ins Haus zu holen. Der Adventskranz: eine Not-Lösung vom Hamburger Pastor Wichern, um einer ungeduldigen kleinen Bande Jungs das Warten auf Weihnachten zu erklären und zu verkürzen. Das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“: eine Not-Lösung im Jahr 1818, als die Menschen hungerten nach Missernten und Napoleonischen Kriegen, gesungen zu den zarten Klängen einer Gitarre. Weihnachten als Fest der Not-Lösungen: Die Not wird gelöst. Nutzen wir also die Symbole und Traditionen dieses Festes, um ihren wahren Grund und kraftvollen Charakter zu erinnern: Die Geschichte der Geburt Jesu lebt von der Improvisation. Gott hat es so gefallen, um an den dunkelsten Ort dieser Welt und den hintersten Winkel
unseres Herzens zu gelangen .
Darum: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!
Silke Noormann