David gegen Goliath

Man darf nicht mit Steinen werfen

In meiner Hand halte ich eine dunkle Münze. Es ist kaum noch zu sehen, welche Zahlen sie trägt. In ihrer Mitte ein ausgefranstes Loch. Eindeutig ist zu erkennen, dass es von einer Gewehrkugel stammt. Welchen unglaublichen und unermesslichen Wert diese Münze hat,erzählt mir Hinrich Wichmann: Seinem späteren Schwiegervater rettete diese Münze vor über 80 Jahren das Leben, als der als deutscher Soldat bei Charkiw kämpfte. Der Name der Stadt und diese Geschichte der Bewahrung lassen uns beide still werden. Wir, die wir weit weg und so viele Jahre später sind, sind bewegt und berührt.
„Es ist unbegreiflich. Damit hatte niemand gerechnet.“ Es ist, als warte die ältere Dame auf eine Antwort. Vielleicht lassen sich die Bilder aus Mariupol in der Tagesschau besser aushalten, wenn wir sie gemeinsam aushalten? Wenn das Unbegreifliche einmal ausgesprochen ist? Vielleicht hilft es, Trauer und Wut und Ohnmacht im Gespräch an der Gartenpforte zu benennen, weil wir dann spüren, dass wir nicht allein damit sind, uns in dieser neuen Weltenordnung zurechtzufinden?
Auf das Außengelände des Kindergartens in der Krausenstraße strahlt die Frühlingssonne. Nachdem ich die Kletterkünste der Vierjährigen bestaunt habe und jede Menge Steinchen, Stöckchen und Federn zusammengetragen wurden, erzähle ich die Geschichte von David und Goliath unter unserem Geschichtenbaum. Hinterher kommen Kinder zu mir: „Das war spannend.“ – „Ich hatte kurz Angst.“ – „Man darf nicht mit Steinen werfen.“ So ihre Kommentare. Man darf nicht mit Steinen werfen David und Goliath und die Gefühle und Einfälle der Kinder. Wenn sie wüssten, wie aktuell das alles ist! „Die Kinder bekommen mehr mit von den Nachrichten, als man denkt. Manchmal bricht es im Spiel heraus. Da wird sichtbar, dass
sie unsicher sind und Fragen haben“, berichtet eine Erzieherin, und ich bin froh, dass die Kinder einfühlsame Ansprechpartnerinnen und einen sicheren Ort haben.
Seit Wochen teilen wir das Unbegreifliche. Eigentlich am Ende der Geduld und Kräfte nach zwei langen Corona-Jahren war der Blick ins Frühjahr hoffnungsvoll… Und dann überfällt eine Streitmacht ein Nachbarland, weil ein Mann seine Allmachtsphantasien und die Gier nach Land und Rohstoffen auslebt. Ein fassungsloses Europa muss aufrüsten und sich seiner wirtschaftlichen Abhängigkeiten bewusst werden.

Jeden Mittwoch finden in den Wedemärker Kirchen ökumenische Friedensandachten statt: Kerzen gegen die Not, Gebete gegen die Angst, Schweigen gegen das Dröhnen der Bomben und Singen gegen den Hass. Für manch einen Politiker mögen diese Andachten angesichts der Bedrohung und Realität lächerlich sein, doch für mich sind sie ein Zeichen der Hoffnung.
Und ich danke allen, die ihre Sorge, ihre Hoffnung, ihre Ohnmacht, ihre Empörung, ihre Liebe, ihre Geschichte, ihren Glauben in diesen Wochen mit mir teilen.

Ihre Pastorin Silke Noormann