Lichterschein im Dunkel

Es ist Herbst – überall fallen Blätter von den Bäumen. Wege und Wälder strahlen in wunderschönen orange-roten Tönen. Die Tage sind kurz und die Abende sind lang.
Das weckt in vielen Menschen das Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen und es sich gemütlich zu machen, bei Kerzenschein, etwas Warmes zu trinken, in eine Decke gekuschelt auf dem  Sofa ein Buch zu lesen.
Einen besonderen Zauber weckt darüber hinaus noch die Adventszeit. Nun ist es wieder so weit. Tannen, Äpfel und Gewürze duften durch das Haus. Plätzchen werden gebacken, Weihnachtsgeschichten gelesen, aber auch Weihnachtsfilme geschaut und am Adventskranzgesungen. Es kehrt Vorfreude auf Weihnachten ein.
Doch mitten in dieses kuschelige Gefühl grätscht wieder so vieles so mächtig hinein: Corona ist nach wie vor allgegenwärtig und noch lange nicht als ungefährlich abzutun. In der Ukraine kämpfen Menschen ums Überleben und gegen einen Mann, der als russischer Herrscher die ganze Weltordnung ins Wanken bringt. In unserer Gesellschaft herrscht große Sorge um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und des Ukrainekrieges. Und die Auswirkungen des Klimawandels sind dramatisch.
Ich frage mich, ob es überhaupt richtig wäre, adventliche Stimmung zu haben oder weihnachtliche Vorfreude zu empfinden.
Und ich lasse meine Gedanken um den Ursprung und die Bedeutung der Adventszeit kreisen: Eigentlich ist die Adventszeit eine Zeit des Wartens, Warten auf bessere, andere Zeiten. Ja, da kann ich mich in diesem Jahr besonders wiederfinden. Warten.
Warten kann sehr verschieden sein. Gerade im Advent.
Da ist ungeduldiges Warten der Kinder, für die es noch eeeeewig ist bis Weihnachten. Noch zwölfmal schlafen, so lange noch!
Da ist gestresstes Warten vieler Erwachsener: Oh, keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und die To-do-Liste ist lang. Außerdem muss ich noch Weihnachtskarten schreiben, und wie viele Ersatzbirnen brauche ich nochmal für die Lichterkette?
Angespanntes Warten: Gibt es wieder Streit?
Sorgenvolles Warten: Was ist, wenn ich die Stromrechnung nicht bezahlen kann? Dieses Jahr gibt es nur Kleinigkeiten als Geschenk.
Freudiges Warten: Wie schön, dass in diesem Jahr alle Kinder kommen können!
Sehnsüchtiges Warten: Ob die Corona-Lage es wohl zulässt, dass wir alle zusammen sind und zum Weihnachtsgottesdienst in die Kirche gehen?
Beim Blick in die Bibel entdecke ich: Andere haben vor uns gewartet. Jesaja, der Licht herbeisehnt über dunkles Land. Micha, der träumt, wie Schwerter zu Pflugscharen werden. Hanna, dass Jerusalem Frieden findet. Maria, dass Gott die Mächtigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht. Und wir warten. Advent ist eine Zeit der Hoffnung.
Die Geburt Jesu und die damit verbundene frohe Botschaft soll gerade denen, für die die Welt düster und grau geworden ist, Trost spenden und vor allem Hoffnung geben.
Advent ist Hoffnungszeit. Ich brauche es dringender denn je, den Blick, die Freude auf den, der da kommt. Und so kann ich in diesem Jahr aus besonders tiefer Überzeugung singen: Tochter Zion, freue dich! Siehe dein König kommt zu dir, ja er kommt der Friedefürst!
Ihre Pastorin Silke Noormann